Neobroker für Anfänger 2026: Grundlagen einfach erklärt

Bevor ihr euer erstes Depot eröffnet, lohnt sich eine Frage, die in den meisten Ratgebern übersprungen wird: Was ist ein Neobroker eigentlich – und was unterscheidet ihn von der Bank, bei der ihr schon ein Konto habt? Dieser Artikel erklärt das Modell, nicht den Anbieter. Es geht um die Begriffe, die Geschäftslogik dahinter und die vier Missverständnisse, die Einsteiger regelmäßig Geld kosten. Wer stattdessen wissen will, für wen welches Modell rechnerisch günstiger ist, findet die Zahlen in unserem Vergleich Bestes Depot für Anfänger.
Alle Konditionen am 31.08.2026 auf den offiziellen Anbieterseiten geprüft; die Preisliste von Scalable Capital haben wir an diesem Tag erneut abgeglichen.
Was ist ein Neobroker – und wo hört der Begriff auf?
Ein Neobroker ist ein digitaler Wertpapierbroker ohne Filialnetz: Depoteröffnung, Identifizierung, Order und Sparplan laufen über App oder Weboberfläche. Der Begriff beschreibt aber kein reguliertes Produkt, sondern ein Marktsegment – und deshalb ist er unscharf. Es gibt keine Behörde, die entscheidet, wer sich so nennen darf.
Wie unscharf, seht ihr an zwei Beispielen aus unserem eigenen Portfolio. flatex läuft bei uns in der Kategorie Neobroker, ist aber ein klassischer Direktbroker: Betreiberin ist die flatexDEGIRO Bank SE, ein deutsches Kreditinstitut, und eine Aktienorder kostet dort eine Festprovision von 5,90 € statt der Nullpreise, die man mit dem Wort Neobroker verbindet. Umgekehrt hat Scalable Capital seit September 2025 eine eigene Vollbanklizenz der EZB und führt die Depots seit Dezember 2025 selbst über die Scalable Capital Bank GmbH. Von einer Direktbank ist das strukturell kaum noch zu unterscheiden.
Für euch heißt das: Sortiert Anbieter nicht nach dem Etikett, sondern nach drei nachprüfbaren Dingen – wer die Depotbank ist, welche Handelsplätze angebunden sind und was eine Order tatsächlich kostet. Welcher Anbieter sich hinter welchem Modell verbirgt, steht im Neobroker-Vergleich.
Warum ist das so billig? Das Geschäftsmodell seit dem PFOF-Verbot
Die ehrlichste Antwort auf „Wo ist der Haken?“ ist ein Blick auf die Einnahmeseite. Jahrelang finanzierten Payment for Order Flow (PFOF) die Nullpreise: Handelsplätze vergüteten den Brokern die weitergeleiteten Kundenorders. Damit ist Schluss – das PFOF-Verbot aus der MiFIR-Reform gilt seit dem 1. Juli 2026. Es betrifft alle Anbieter gleichermaßen, weshalb „kein PFOF“ heute kein Verkaufsargument mehr ist, sondern schlicht der gesetzliche Normalzustand.
Spannend ist, was die Anbieter an die Stelle gesetzt haben. Genau daran erkennt ihr, woher das Geld jetzt kommt:
- Trade Republic hat am 02.07.2026 umgestellt. Die Orderprovision bleibt kostenfrei, dafür fällt bei der Bestpreis-Order eine Abwicklungskostenpauschale von 1,00 € an. Wer die freie Börsenwahl nutzt, zahlt im Direktpreis 2,00 € pro Order.
- Bei Scalable Capital läuft zum 01.09.2026 die Sonderkondition für den Handelsplatz gettex aus. Bis zum 31.08.2026 gilt über European Investor Exchange und gettex dieselbe Staffel (im Tarif FREE 0 € beim Kauf von PRIME-ETFs ab 250 €, sonst 0,99 €; im PRIME+ 0 € ab 250 €, darunter 0,99 €). Ab dem 01.09.2026 kostet ein Trade über gettex 1,99 € – in beiden Tarifen und auch für PRIME-ETFs. An der European Investor Exchange bleibt es dagegen bei der alten Staffel, und Xetra kostet ab demselben Datum 1,99 € pauschal statt 3,99 € plus Börsengebühr, wird also günstiger. Alle drei Handelsplätze bleiben verfügbar – der günstige Preis hängt ab dem 1. September 2026 am Handelsplatz statt am Tarif allein.
- finanzen.net zero hat bereits zum 01.03.2026 umgestellt, ohne den Kundenpreis zu ändern, und formuliert das Modell selbst so: „Die Ordergebühren übernehmen unsere Handelspartner für Dich.“ Gehandelt wird über einen einzigen Handelsplatz (gettex).
Das Muster dahinter ist für Einsteiger die eigentliche Lektion: Günstig wird es dort, wo der Broker die Orderströme bündelt – auf wenigen Handelsplätzen, in einem eigenen Orderbuch oder über Partner, die sich die Ausführung etwas kosten lassen. Wer volle Börsenwahl will, zahlt dafür. Das ist kein Trick, sondern eine Konstruktionsentscheidung, die ihr vor der Depoteröffnung kennen solltet.
Wer führt eigentlich euer Depot?
Bei einer Direktbank ist die Antwort trivial: die Bank. Bei Neobrokern ist sie uneinheitlich, weil sich oft mehrere Rollen die Arbeit teilen. Die Depotbank verwahrt Wertpapiere und führt das Verrechnungskonto. Der Vermittler ist die App, mit der ihr es zu tun habt – er nimmt eure Order entgegen, führt sie aber nicht selbst aus. Und ein Haftungsdach ist ein lizenziertes Wertpapierinstitut, unter dem ein Vermittler ohne eigene Erlaubnis arbeiten darf.
In der Praxis kommen daraus sehr unterschiedliche Konstruktionen. Trade Republic ist mit der Trade Republic Bank GmbH eine deutsche Vollbank, Scalable Capital seit Dezember 2025 ebenfalls eine eigene Bank. Smartbroker+ und Traders Place lassen die Depots bei der Baader Bank AG führen, und finanzen.net zero arbeitet als vertraglich gebundener Vermittler unter dem Haftungsdach der DonauCapital Wertpapier GmbH, ebenfalls mit der Baader Bank als Depotbank. Wichtig für euch: Der Name auf der App ist nicht automatisch der Name auf dem Depot. Was das für Einlagensicherung und Sondervermögen bedeutet, haben wir ausführlich unter Neobroker Sicherheit aufgeschrieben.
Vier Missverständnisse, die Einsteiger teuer werden
1. „Kostenlos“ heißt nicht spreadfrei. Eine 0-€-Order ist eine Aussage über die Provision, nicht über den Preis, zu dem ihr kauft. Zwischen An- und Verkaufskurs liegt der Spread, und den zahlt ihr immer mit – finanzen.net zero weist das ausdrücklich als „zzgl. marktüblicher Spreads“ aus, flatex nennt neben der Provision ebenfalls Spreads und Zuwendungen. Der Spread ist bei einem einzelnen Sparplankauf klein, aber er ist nie null.
2. Der Handelsplatz kann teurer sein als die Ordergebühr. Neben der Provision stehen Fremdkosten und börsenplatzabhängige Entgelte. Bei flatex etwa kommen zur Provision 2,00 € Pauschale im außerbörslichen Handel oder Börsenentgelte ab 1,05 € hinzu, sodass eine gewöhnliche Order real 6,95 € bis 7,90 € kostet — an den Regionalbörsen liegt die Summe darüber. Auch bei Anbietern mit 0-€-Orders gilt das Nullangebot fast immer nur für bestimmte Handelsplätze – bei Smartbroker+ zum Beispiel für gettex, während Xetra dort mindestens 5,50 € kostet. Bei Scalable Capital dreht sich das ab dem 1. September 2026 gerade um: Dieselbe Order kostet im Tarif PRIME+ über die European Investor Exchange ab 250 € Volumen nichts und über gettex 1,99 €. Schaut deshalb nicht auf die Werbezahl, sondern auf die Zeile „Fremdkosten“ im Preisverzeichnis.
3. Zinsen aufs Verrechnungskonto sind nicht dasselbe wie Tagesgeld. Das ist der Punkt, der am häufigsten falsch verstanden wird. Bei Scalable Capital gibt es 2,50 % p.a. Tagesgeld auf unbegrenztes Guthaben in beiden Tarifen – auf dem Broker-Guthaben, also dem Verrechnungskonto, sind es 0 % p.a. Das sind zwei verschiedene Töpfe. Trade Republic verzinst Cash mit 2,25 % p.a., laut Anbieter aus Zinsen von Partnerbanken und Dividenden aus Geldmarktfonds, täglich berechnet und monatlich ausgezahlt. finanzen.net zero zahlt gar keine Guthabenzinsen auf das Verrechnungskonto und verweist stattdessen auf Geldmarkt-ETFs. Prüft also nicht nur die Prozentzahl, sondern auch, für welches Konto sie gilt.
4. Konditionen sind kein Dauerzustand. Allein 2026 haben finanzen.net zero (01.03.) und Trade Republic (02.07.) ihr Modell umgestellt, und bei Scalable Capital läuft zum 01.09. die Sonderkondition für gettex aus. Ein Depot ist keine Entscheidung für die Ewigkeit, aber auch kein Selbstläufer: Ein Blick ins Preis- und Leistungsverzeichnis einmal im Jahr gehört dazu.
Was ihr vor der Depoteröffnung geklärt haben solltet
Wenn ihr die vier Punkte oben verstanden habt, reduziert sich die Auswahl auf vier nüchterne Fragen: Wie handelt ihr voraussichtlich – kleine, regelmäßige Sparplanraten oder größere Einzelkäufe? Braucht ihr wirklich viele Börsenplätze oder reicht ein Handelsplatz? Soll nicht investiertes Geld verzinst werden, und wenn ja, auf welchem Konto? Und wer soll die Depotbank sein?
Erst danach wird es zur Rechenaufgabe. Die Kostenseite mit Ordergebühren, Mindermengenzuschlägen, Sparraten und Steuern haben wir bewusst getrennt aufgeschrieben – die Zahlen für Einsteiger stehen im Artikel Bestes Depot für Anfänger, die vollständige Gegenüberstellung aller Anbieter im Neobroker-Vergleich. Wie wir prüfen und bewerten, steht unter So testen wir.
Fazit
Ein Neobroker ist kein eigener Produkttyp, sondern ein Vertriebsmodell, dessen Grenzen zur Direktbank verschwimmen – nach oben, weil Anbieter wie Scalable Capital eigene Banklizenzen erwerben, nach unten, weil klassische Direktbroker wie flatex im selben Regal stehen. Seit dem PFOF-Verbot vom 1. Juli 2026 sieht man zudem offener als vorher, wo das Geld herkommt: über Abwicklungspauschalen, Ordergebühren oder Handelspartner. Wer das einmal verstanden hat, liest jedes Preisverzeichnis anders – und trifft die Anbieterwahl auf einer belastbaren Grundlage statt anhand einer Null in der Werbung.
Risikohinweis
Dieser Artikel ist eine journalistische Einordnung und keine Anlageberatung und keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Der Handel mit Aktien, ETFs, Anleihen und Kryptowerten ist mit Kursrisiken verbunden; ein Totalverlust des eingesetzten Kapitals ist möglich. Konditionen und Preisverzeichnisse können sich jederzeit ändern – prüft die Angaben vor einer Depoteröffnung auf der Seite des jeweiligen Anbieters.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen einem Neobroker und einer Direktbank?
Ein Neobroker ist ein rein digitaler Wertpapierbroker ohne Filialnetz, eine Direktbank bietet daneben klassische Bankprodukte an. Der Begriff ist allerdings nicht reguliert, und die Grenze verschwimmt: flatex läuft im Neobroker-Segment, ist aber ein klassischer Direktbroker mit 5,90 € Festprovision, während Scalable Capital seit September 2025 eine eigene Vollbanklizenz der EZB hat und die Depots seit Dezember 2025 selbst führt. Sortiert Anbieter deshalb nach Depotbank, Handelsplätzen und tatsächlichen Orderkosten statt nach dem Etikett.
Wie verdienen Neobroker Geld, wenn der Handel fast nichts kostet?
Früher finanzierten Rückvergütungen der Handelsplätze (Payment for Order Flow) die Nullpreise. Das PFOF-Verbot aus der MiFIR-Reform gilt seit dem 1. Juli 2026 für alle Anbieter. An die Stelle sind andere Modelle getreten: Trade Republic erhebt eine Abwicklungskostenpauschale von 1,00 € bei der Bestpreis-Order, bei Scalable Capital kostet ein Trade über gettex ab dem 01.09.2026 1,99 € statt 0,99 € beziehungsweise statt 0 € ab 250 € Ordervolumen, während die European Investor Exchange unverändert bleibt, und finanzen.net zero formuliert es so, dass die Handelspartner die Ordergebühren übernehmen.
Stimmt es noch, dass Scalable Capital 0,99 € pro Trade kostet?
An der European Investor Exchange ja, dort ändert sich nichts: Im Tarif FREE kostet jeder Trade 0,99 €, PRIME-ETFs ab 250 € Ordervolumen sind kostenfrei; im Tarif PRIME+ (4,99 €/Monat) ist jede Order ab 250 € kostenfrei und darunter kostet sie 0,99 €. Über gettex galt diese Staffel nur bis zum 31.08.2026 – ab dem 01.09.2026 kostet dort jeder Trade 1,99 €, in beiden Tarifen und auch bei PRIME-ETFs. Xetra kostet ab demselben Datum 1,99 € pauschal statt 3,99 € plus Börsengebühr. Der Preis hängt damit am Handelsplatz, nicht mehr am Tarif allein.
Wer führt bei einem Neobroker eigentlich mein Depot?
Das ist von Anbieter zu Anbieter verschieden. Trade Republic ist mit der Trade Republic Bank GmbH eine deutsche Vollbank, Scalable Capital führt die Depots seit Dezember 2025 über die eigene Scalable Capital Bank GmbH. Smartbroker+ und Traders Place nutzen die Baader Bank AG als Depotbank, finanzen.net zero arbeitet als vertraglich gebundener Vermittler unter dem Haftungsdach der DonauCapital Wertpapier GmbH, ebenfalls mit der Baader Bank als Depotbank.
Heißt eine 0-€-Order, dass der Kauf wirklich nichts kostet?
Nein. Die Null bezieht sich auf die Provision, nicht auf den Gesamtpreis. Zwischen An- und Verkaufskurs liegt immer ein Spread, den ihr mitzahlt, und dazu können Fremdkosten und börsenplatzabhängige Entgelte kommen. Bei flatex etwa summiert sich eine gewöhnliche Order aus 5,90 € Provision plus Fremdkosten auf real 6,95 € bis 7,90 €, und bei Smartbroker+ gilt der Nulltarif für gettex, während Xetra dort mindestens 5,50 € kostet.
Sind Zinsen auf dem Verrechnungskonto dasselbe wie Tagesgeld?
Nein, das sind zwei getrennte Töpfe. Bei Scalable Capital gibt es 2,50 % p.a. Tagesgeld auf unbegrenztes Guthaben in beiden Tarifen, auf das Broker-Guthaben – also das Verrechnungskonto – dagegen 0 % p.a. Trade Republic verzinst Cash mit 2,25 % p.a., finanzen.net zero zahlt keine Guthabenzinsen auf das Verrechnungskonto und verweist auf Geldmarkt-ETFs. Achtet also immer darauf, für welches Konto eine Zinsangabe gilt.



